Ernst E. Boesch - Kurzbiographie


E E Boesch

 

„The psychology we looked for at that time was one of concern—you might also call it one of compassion, of involvement with real life.“

(Ernst E. Boesch)

 

Ernst Eduard Boesch (26. Dezember 1916 - 12. Juli 2014) wurde in St. Gallen geboren, wo er auch seine frühe Schulzeit verbrachte. Im Jahr 1939 begann er ein Studium der Medizin in Genf, das er aber zugunsten des Studiums der Psychologie, Pädagogik und Philosophie am Jean-Jacques Rousseau Institut abbrach. Das Institut wurde damals vom Psychologen Édouard Claparède und dem Pädagogen Pierre Bovet geleitet. Einer von Boeschs späteren Lehrern war Jean Piaget; er besuchte auch Vorlesungen bei André Rey und Richard Meili.

1942 schloss Boesch seine erste Ehe, die 18 Jahre hielt und aus der drei Kinder hervorgingen. 1943 kehrte er als Schulpsychologe nach St. Gallen zurück, nachdem er eine Assistenzstelle bei Piaget abgelehnt hatte. 1946 wurde er mit einer Arbeit zu Problemen der Schulpsychologie promoviert.

1951 nahm er den Ruf auf den Lehrstuhl für Psychologie an der 1948 gegründeten Saarbrücker Universität des Saarlandes an, das damals noch nicht wieder zur Bundesrepublik Deutschland gehörte. Bis 1969 blieb sein Lehrstuhl der einzige Lehrstuhl für Psychologie an der Universität. Saarbrücken sollte für den Rest seines Lebens Boeschs ständiger Wohnsitz bleiben und trotz verschiedener Rufe an andere Universitäten (Brüssel, Mannheim, Bochum, Genf und Basel) hat er seine Professur an der Universität des Saarlandes nie aufgegeben.


 

1955 ging Boesch auf Einladung der UNESCO für drei Jahre nach Bangkok, wo er als Direktor des International Institute for Child Study unter anderem psychologische Tests für den thailändischen Kontext adaptierte und verschiedenste entwicklungs- und schulpsychologische Untersuchungen durchführte. Im selben Zeitraum begann er, die thailändische Sprache zu erlernen, die er im Laufe der weiteren Jahre perfekt beherrschte.  In seiner Lehrerin, Supanee, lernte er dabei auch seine große Liebe und spätere zweite Ehefrau kennen, mit der er den Rest seines langen Lebens verbrachte.   

Auf Boeschs Initiative hin gründete die Universität Saarbrücken 1962 das Institut für Entwicklungshilfe, das später in Sozialpsychologische Forschungsstelle für Entwicklungsplanung (SFE) umbenannt wurde. Boesch wurde Direktor des Instituts und hatte diese Funktion über seine Emeritierung hinaus bis 1987 inne.

Mit seinen vielfältigen wissenschaftlichen Beiträgen, die insbesondere seit seinen Erfahrungen in asiatischen Kontexten eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit der Mainstream-Psychologie und ihrer Methodologie zum Gegenstand haben, zählt Ernst Boesch zu den wichtigsten Vorreitern einer kultur- und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Psychologie im 20. Jahrhundert.  Im deutschsprachigen Raum darf er mit der Ausarbeitung seiner so genannten symbolischen Handlungstheorie als Nestor einer modernen Kulturpsychologie gelten, wobei sein Werk insbesondere auf die kontinentaleuropäische Prägung der Disziplin erheblichen und anhaltenden Einfluss hatte.  Zugleich war Ernst Boesch mit seinem ausgeprägten Fokus auf alltagspsychologische Fragen und Phänomene einer der wichtigsten Wegbereiter der Ökologischen Psychologie.

Ernst Boeschs ausgesprochen reichhaltiges Werk ist interdisziplinär ausgerichtet, integriert Theorien und Ansätze unter anderem aus der Psychologie, der Psychoanalyse, der Ethnologie und der Philosophie und widmet sich facettenreich Themen wie Handlung, Identität, Subjektivierung, Fremdheit, Sprache, Narration, Polyvalenz, Körperlichkeit, Emotion, Kognition, Entwicklung und Entwicklungsplanung,  Kunst und Ästhetik, Sehnsucht, Religion, Rituale, Mythen, Fiktionen, Verstehen und vielem mehr.

Geehrt wurde Ernst Boeschs Werk unter anderem mit Ehrendoktoraten der Universitäten Bern und Srinakharinwirot, mit dem Orden der Krone von Thailand, mit dem Saarländischen Verdienstorden, mit dem Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung und mit Ehrenmitgliedschaften in verschiedenen wissenschaftlichen Vereinigungen. In Erinnerung an Ernst E. Boesch vergibt die Gesellschaft für Kulturpsychologie seit 2015 den Ernst-Eduard-Boesch-Preis für Verdienste um die Förderung und Verbreitung der wissenschaftlichen Kulturpsychologie.