Bochumer Sozialanthropologie - Fachprofil
Der Bochumer Lehrstuhl für Sozialanthropologie vermittelt in Lehre und Forschung das, was international Cultural oder Social Anthropology genannt wird und im deutschen Sprachraum unter dem Begriff Ethnologie (früher Völkerkunde) subsummiert wird. Sozialanthropologie kann daher in Bochum getrost mit der Bezeichnung Ethnologie synonymisiert werden. Innerhalb der Sektion teilt die Sozialanthropologie mit der Sozialpsychologie nicht nur verschiedene theoriegeschichtliche Wurzeln, sondern auch den selben Gegenstandsbereich, nämlich den Zusammenhang zwischen Kultur, Individuum und Gesellschaft.
Die Bochumer Sozialanthropologie steht in verschiedenen Traditionslinien:
- von der britischen Social Anthropology ist sie v.a. durch die Methode der Teilnehmenden Beobachtung, sowie durch den Bezug zur sozialen Praxis und zu sozialen Strukturen geprägt;
- von der amerikanischen Cultural Anthropology hat sie den Bezug zur Hermeneutik, zu Symbolen und die Frage nach der Bedeutung übernommen;
- von der älteren deutschen Völkerkunde übernimmt sie die Betonung der Regionalexpertise, die historische Perspektive auf Kultur und die Achtung der materiellen Kultur;
- von der Volkskunde übernimmt sie die Einbeziehung auch der eigenen Kultur;
- von der neuen deutschen Ethnologie weiß sie insbesondere die akribische Forschung an konkreten lokalen Details vor Ort und den Fokus auf das (nicht: den) Fremde(n) zu schätzen;
- postkoloniale Impulse kommen insbesondere aus der Initiative "World Anthropologies Network" von Arturo Escobar und Gustavo Lins Ribeiro.
Mit jener Disziplin, die sich früher in Deutschland ebenfalls Sozialanthropologie nannte und die sich Gesellschaftlichkeit unter rassistischen Vorzeichen zuwandte, hat die in Bochum gepflegte Disziplin nichts gemein.
Das Fach zeichnet sich dadurch aus, dass es sich bestimmten Gegenständen zuwendet; dass es sich diesen mit bestimmten Methoden nähert und dass es die Gegenstände aus verschiedenen spezifischen Perspektiven betrachtet.
Kultur, Gesellschaft und Fremdheit sind die Gegenstände, mit denen sich das Fach beschäftigt – früher waren es fremde Kulturen, heute dagegen stehen alle Kulturen – auch die eigene – im Mittelpunkt. Der Fokus hat sich somit von "den" Fremden auf das Moment der Fremdheitserfahrung oder auf "das" Fremde verlagert.
Wenn Ethnologen von "Kultur" sprechen, kann allgemein-menschliche Kulturfähigkeit gemeint sein oder aber eine einzelne "Kultur" im Sinne einer "Gesellschaft" oder einer "Ethnie", die aus überall vorhandenen, allerdings unterschiedlich beschaffenen Elementen besteht.
Alle ethnologischen Kulturbegriffe - es gibt unzählige - unterscheiden sich zum Einen von der "Kultur", die alltagssprachlich verengt abendländische Kunst und Dichtung oder verfeinerten Lebensstil bezeichnet. Zum Zweiten unterscheiden sie sich von der im deutschen Kulturpessimismus entwickelten Dichotomie "Kultur-Zivilisation", wobei Kultur als einfaches, quasi-natürliches Leben verstanden wurde, während Zivilisation als Ausdruck der Entfremdung des Menschen von Traditionen und zwischenmenschlichen Beziehungen erschien. Drittens unterscheiden sich die ethnologischen Kulturbegriffe von der Vorstellung einer geschlossenen, in sich homogenen Einheit. Diese Vorstellung wurde früher vielfach auch in ethnologischen Traditionen - etwa dem Evolutionismus und dem Funktionalismus - gepflegt, ist aber seit gut 50 Jahren durch offene und prozessuale Konzeptionen ersetzt worden. Viele Medien, die etwa am Diskurs über den "Kampf der Kulturen" partizipieren, oder auch die Politik mit ihrer Vorstellung von "Leit-" "Multi-" und "Parallelkulturen", sowie die Betroffenheitsindustrie mit ihrem "Dialog der Kulturen" hängen diesem altbackenen und geschlossenen Kulturbegriff jedoch noch häufig an und nehmen die Erkenntnisse der neueren Ethnologien nicht zur Kenntnis. Sie leisten damit einer Kulturalisierung des Sozialen Vorschub, die wir Fachvertreter einerseits mit Grausen über das Eigenleben unseres "marktführenden Produktes" zur Kenntnis nehmen; der wir uns andererseits als einer sozialen Tatsache mit analytischem Blick zuwenden: wenn ein solch' seltsam verengter Kulturbegriff für die Menschen, die wir untersuchen, eine Bedeutung hat, dann müssen wir dies ernst nehmen und dürfen es nicht angewidert ignorieren.
Dem heutigen ethnologischen Verständnis von Kultur unterliegt die Erkenntnis, dass Kultur die durch Menschen konstruierte Realität darstellt; dabei ist diese Kultur durchaus in materiellen - etwa körperlichen und geographischen - Erfahrungswelten begründet und nicht ausschliesslich eine mentale Angelegenheit. Denn letztendlich versuchen die Menschen überall auf der Welt, v.a. einen alltagspraktischen Umgang mit elementaren Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens und Sterbens, des Leidens und der Krankheit, der Lust und des Glückes zu finden - allerdings auf unterschiedliche, eben kulturelle Weise.
Die meisten Menschen glauben, daß es EINE unhinterfragbare und für alle Menschen verbindliche reale Welt gibt. Die Ethnologie belegt aber, daß das, was in der einen Kultur als selbstverständlich gilt, beileibe nicht überall als verbindlich und real betrachtet wird. Sie zeigt auch, daß es innerhalb einer Kultur durchaus Widersprüche und Aushandlungsprozesse über die 'richtige' Version von der Kultur gibt. Und schließlich zeigt sie auch, daß die Bereiche Kultur und Natur nicht überall von einander geschieden werden - und wenn doch, dann nicht immer auf unsere "westliche" Art und Weise.
Das Interesse der Ethnologie gilt damit vorderhand einzelnen Kulturen oder Menschengruppen, die sie konkret untersucht. Das Wissen darüber wird jedoch mit dem Wissen über andere Gruppen und Kulturen kontrastiert und in Beziehung gesetzt, um anthropologische Gemeinsamkeiten und kulturspezifische Unterschiede feststellen zu können (Kulturvergleich).
Die Daten über die Gegenstände Kultur, Ethnizität und Fremdheit werden mit verschiedenen Methoden der Feldforschung erhoben, insbesondere der langandauernden teilnehmenden Beobachtung – dadurch wird es möglich, jenseits der zumeist ausschliesslich textbasierten Erhebungsmethoden (Interviews, Fragebögen) auch die informellen Strukturen und (materiellen wie sozialen) Praktiken von Kulturen und Gesellschaften zu erfassen. Gerade darauf der basiert der zentrale Aufgabenbereich des Faches, nämlich die symbolhermeneutische Analyse des Verborgenen, häufig nicht exlizit Ausgedrückten einer Kultur. Der informelle Bereich wird erst durch lang andauernde Augenzeugenschaft und Teilhabe erkennbar und geht sowohl bei den textbasierten Wissenschaften als auch bei den Makroanalysen jener Disziplinen, die sich i.d.R. nur dem strukturellen Bereich einer Kultur zuwenden, häufig verloren. Jules Henrys Kritik daran, daß die formalistisch arbeitenden Humanwissenschaften "überall vorm Menschlichen an den Menschen davon rennen", verweist auf die Notwendigkeit dieses Zuganges – nämlich der minutiösen, beobachtenden und teilnehmenden Methode in der Feldforschung. Feldforschung bedeutet natürlich immer, sich mit Fragen und theoretischen Vorüberlegungen in ein Feld zu begeben – sich aber weniger von diesen bestimmen zu lassen, sondern offen zu sein für das, was man tatsächlich vorfindet. Und das sind konkrete fremde Menschen (deren Leben wir für eine Zeit teilen), ihre mitunter unerwarteten und überraschenden Lebenslagen und ihre Versuche, mit existenziellen Fragen umzugehen. Das unterscheidet die Sozialanthropologie von jenen Fächern, die vornehmlich theoriegeleitet sind, von theoretischen Vorgaben ausgehen und versuchen, Theorien mit Hilfe der empirischen Realität abzuprüfen. Die Ethnologie hat mit ihrer zentralen Methode, der Feldforschung, den entgegengesetzten Weg gewählt: Theorie wird aus der Empirie gebildet. Fach und Methode sind daher in erster Linie explorativ und theoriegenerierend. Die Daten werden dann mit vielfältigen, vor allem aber mit interpretativen Methoden ausgewertet.
Schliesslich betrachtet die Sozialanthropologie ihre Gegenstände aus spezifischen Perspektiven. Zum Einen steht der Wechsel der Perspektive vom Eigenen auf das Fremde im Zentrum; dabei geht es v.a. darum, den Eigensinn und die innere Perspektive der Gruppen, denen wir uns zuwenden, zu erfassen. Die Gegenstände werden in erster Linie aus der Nähe – also nicht nur vermittelt durch Texte, sondern v.a. durch Augenzeugenschaft und Teilhabe des Forschers – betrachtet. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Anwesenheit des Forschers vor Ort. Schliesslich wendet sich die Sozialanthropologie klassischerweise Alltagspraktiken und –routinen zu.
Noch ein paar Worte zum gesellschaftlichen Kontext, in dem sich die Sozialanthropologie heute zu positionieren hat. Dieser Kontext ist stark von der Ökonomisierung, Bürokratisierung und Kommodifizierung des Wissens geprägt. Den Wissenschaften wird heute abverlangt, dass sie ihre Nützlichkeit beweisen - wobei die Vorstellung davon, was ein Nutzen ist - stark von praktischen, anwendbaren und ökonomischen Erwägungen geprägt ist. Ethnologen und viele Vertreter anderer Disziplinen haben zu Recht eine andere Vorstellung vom Nutzen einer Wissenschaft. Das Fach versteht sich weder als Prognosewissenschaft noch als Problemlösungsdisziplin - sondern in erster Linie in guter altmodischer Humboldt'scher Manier als verstehende, interpretierende und erklärende Wissenschaft. Darin liegt ihr Nutzen. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi(2004) formuliert dieses Wissenschaftsverständnis wie folgt:
"Sind nicht jene kollektiven Adressaten, an die uns zu wenden wir gewohnt sind, kategoriale Erfindungen sowohl der historischen Kulturwissenschaften wie der systematischen Sozialwissenschaften? Könnten wir wirklich als Individuen ‚handeln’, würden wir nicht mit jener Idee versorgt, dass alles, was im sozialen Raum geschieht, auf die Intention von Akteuren zurückgeht? (…) Gäbe es Völker ohne den Volksgeist und diesen ohne seine Reflexion in kulturwissenschaftlichen Begriffen; und gäbe es ihre Dekonstruktion zu Verfassungspatriotismen oder wiederentdeckten Kosmopolitismen ohne die technologische Arbeit unserer Weltdeuter? (…) Ist nicht selbst ein zünftiger Krieg gegen vorderasiatische Völker nur möglich, wenn man vorher den "Orient" erfunden hat?"
Die Ethnologie ist eine dieser - i.d.F. bedienen wir uns ganz bewusst der seelenlosen neoliberalen Terminologie - "produktnahen" Formen von Wissenschaft und gehört damit zu den eigentlichen "Technologiezentren" der modernen Welt, die jene Denk- und Erfahrungschiffren herstellen, mit denen wir uns in unserer Welt bewegen. "Marktführer" unserer Disziplin ist der Begriff der Kultur, "das erfolgreichste Technologicum, das in den letzten zwei Jahrhunderten produziert wurde". Wie andere Sozial- und Kulturwissenschaften auch, so stellt die ethnologisch geprägte Sozialanthropologie eine "Fabrik" unserer individuellen und kollektiven Beschreibungs- und Bemessungsformeln dar. Und wie andere Wissenschaften auch – ob Sozial-, Kultur- oder Natur- - sind wir gegen Missbrauch nicht gefeit; wie die Produkte der Atomphysik, so vermögen auch unsere "Produkten" zerstörerische Wirkung zu entfalten – das belegt die Anwendung unserer Begriffe, etwa die "ethnische Säuberung", der Kampf "der" Kulturen, die Debatte um "Leit-" und "Parallelkulturen".
Somit positioniert sich der Lehrstuhl in Lehre und Forschung für eine Wissenschaftlichkeit im Sinne des Neo-Humboldtianismus; er wendet sich entschieden gegen eine Verengung auf die ökonomische Verwertbarkeit. Aber er erkennt die von der ökonomischen Verwertbarkeit geleitete Rhetorik und Praxis der Wissensmanager als kulturelle Tatsache und damit als Forschungsgegenstände an, die analysiert und kulturell kontextalisiert werden müssen: die Herausarbeitung der kulturellen Werte und Vorstellungen, die der Rede von der Effizienz, Qualitätsmanagement, Evaluierung, Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit unterliegen; zum Beispiel, dass solchen Auffassungen Vorstellungen aus dem Bereich der Kybernetik unterliegen: man müsse die bestehenden Wissenschaftstraditionen zerstören und in Einzelteile zerhacken, um sie mit anderen zerhackten Wissenschaften (z.B. in Modulen interdisziplinär und zu Clustern) zu fusionieren; dadurch werde Energie (oder eben Kreativität) freigesetzt, es komme zu Synergien.
Die Bochumer Sozialanthropologie ist also der Überzeugung verpflichtet, dass Wissenschaft nicht vom Primat der Ökonomisierbarkeit geprägt sein darf; und dass Wissen in erster Linie eine Lebensform, einen persönlichen Besitz, eine innere Bereicherung darstellt. "Wir betreiben keine unmittelbare Berufsausbildung, sondern bilden, lehren, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu sehen, schnell, aber auch langfristig und zäh zu forschen. Es gibt keine bessere Berufsausbildung als eine gewisse Distanz zu den täglichen Anforderungen des Berufes" (der Kunsthistoriker Horst Bredekamp in DIE ZEIT 01.02.2006). Eine Lektion, die der ehemalige Präsident der Stanford University, Gerhard Casper, im Januar 2005 in seinen "Berliner Lektionen" der deutschen Wissenschaft zu Recht erteilt, ist genau dies: dass Wissenschaft nicht der unangemessenen Verwertungsorientierung unterworfen werden darf, sondern dass den angehenden Wissenschaftlern eine Form des Lernens nahe gebracht werden soll, in der Lehre sich aus eigener Forschung speist und damit den Weg von der Frage über die Forschung zum Ergebnis nachzeichnet (Nassehi 2005).

