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15. Oktober 2009:

Lob und Tadel für gestufte Studiengänge: Erste Ergebnisse des Forschungsprojekts "Studienbedingungen und Berufserfolg"

RUB-Forscher befragen Bachelor-Absolventen
Schnell und strukturiert, aber weiter reformbedürftig
Was taugen die gestuften Studiengänge? Wo sind ihre Stärken, wo ihre Schwächen, und wo muss man ansetzen, um sie zu optimieren? Diese Frage lässt sich nur auf der Basis gesicherter Daten beantworten. Diese Daten liefern jetzt die RUB-Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Hans Georg Tegethoff und Jana Darnstädt. Sie haben Bachelor-Absolventen des Jahrgangs 2007 an der RUB befragt und ihre Einschätzungen mit denen der gleichzeitig in einer bundesweiten Studie befragten Magister- und Diplom-Absolventen verglichen.

Übergangsphase für Vergleich zwischen alten und neuen Abschlüssen genutzt
Schon 2001 hat die Ruhr-Universität Bochum mit der campusweiten Umstellung auf die Bachelor-Masterstudiengänge begonnen, inzwischen ist sie fast abgeschlossen. Die Übergangsphase, in der noch Absolventen aller bisherigen und der neuen Abschlüsse fertig wurden, nutzten die Forscher für eine Evaluation. Sie fragten nach Studiendauer, Kompetenzen, Studierbarkeit, Einschätzung der eigenen Kompetenzen und Berufsaussichten sowie Einstiegsgehalt.

Großes Plus: Schneller studieren
Großes Plus der Bachelorstudiengänge: Das Studium verkürzt sich. Die Hälfte (49 %) der Studierenden schließt das Studium in der Regelstudienzeit ab; bei den Magister- und Diplomabsolventen sind es nur 25 bzw. 27 %. Dabei steht die Studierbarkeit der gestuften Studiengänge immer wieder in der Kritik. Unter dem Begriff wird z.B. verstanden, ob es möglich ist, alle Anforderungen in der gegebenen Zeit zu bewältigen, ob jeder Studierende Zugang zu erforderlichen Lehrveranstaltungen hat, wie die zeitliche Koordination der Veranstaltungen gelingt. Es zeigte sich aber, dass Bachelorstudiengänge besser studierbar sind als die auslaufenden Magisterstudiengänge, wenn auch Diplomstudiengänge genauso gut organisiert sind. Mit der Modularisierung, die helfen soll, ziel- und kompetenzorientierter zu studieren, sind die Studierenden allerdings nur teilweise zufrieden. Die Beschreibung der Inhalte und Lernziele beurteilten 59 % der Bochumer Bachelor-Absolventen gut oder sehr gut. Ihre inhaltliche Abstimmung und Berufsorientierung fanden aber nur gut ein Drittel so gut.

Immer noch Zeit für Ausland und Praktika
Trotz der oft kritisierten straffen Stundenpläne in den gestuften Studiengängen bieten alle Studiengänge gleichermaßen Zeit für Praktika oder Auslandsaufenthalte. Übereinstimmend gaben nur knapp ein Drittel aller Absolventen an, gar keine Praxiserfahrung erworben zu haben. Allerdings verkürzt sich die Dauer der Praktika und Auslandsaufenthalte bei den gestuften Studiengängen verglichen mit den alten Abschlüssen. Zwölf Wochen Auslandsaufenthalt stehen durchschnittlich 27 bzw. 28 Wochen gegenüber. Auch die Anzahl der Praktika verringert sich von zwei auf eins – vielleicht sei das der kürzeren Studiendauer geschuldet, vermuten die Forscher.

Neue Lernformen punkten
„Macht Studieren in den neuen Strukturen dumm?“ fragten sie außerdem provokativ mit Blick auf den häufig geäußerten Kritikpunkt, das Bachelor-Studium würde sich auf die Vermittlung von Grundlagenwissen beschränken. Fakt ist, dass in den gestuften Studiengängen die Studierenden stärker die Lehrveranstaltungen mitgestalten, wechselnde Arbeitsformen kennen lernen und häufiger in kooperativen Studienformen lernen. Allerdings schätzen nur 56 % der Bachelor-Absolventen, dass sie das eigene Fach in sehr hohem oder hohem Maße beherrschen, während das 70% der Absolventen der alten Abschlüsse so einschätzen. In der Fähigkeit, wissenschaftliche Methoden anzuwenden, ziehen alle drei Gruppen gleich (Bachelor: 69%, Diplom: 67%, Magister: 74%).

Berufseinstieg: Nicht einfacher als zuvor
Mit den berufsfeldorientierten Anteilen der gestuften Studiengänge sind die Absolventen nicht zufrieden. Nur wenige fühlen sich auf den Beruf gut vorbereitet (9%) oder bei der Stellensuche unterstützt (4%). Zwei Drittel der Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler entscheiden sich, nach dem Bachelor ein Masterstudium zu beginnen, bei den Naturwissenschaftlern liegt diese Quote mit 80 bis 100 % noch wesentlich höher. Nur 25 % der Absolventen steigen direkt in den Beruf ein. Die meisten befristet und schlecht bezahlt: Das durchschnittliche Einkommen der Absolventen, die überwiegend geisteswissenschaftliche Studienfächer studiert haben, liegt zwischen 12.000 und 18.000 Euro brutto im Jahr. Die Angaben entsprechen in etwa den Magisterabsolventen, während Diplomer häufiger unbefristete Arbeitsverträge bekamen. Entsprechend fühlt sich nur ein Drittel der Magister- und Bachelorabsolventen angemessen beschäftigt.

Die Reform geht weiter
Das Fazit der Forscher: Veränderungen in Studium und Lehre brauchen ihre Zeit. Es wird zügiger studiert, Soft Skills wie Schreiben und Präsentieren werden intensiver gelehrt, die Organisation des Studiums hat sich verbessert. Was den Eintritt in den Arbeitsmarkt betrifft, ist die Situation verglichen mit den Magisterstudiengängen immerhin nicht schlechter geworden. Unter dem Strich stellen sie fest: Die Reform ist nicht gescheitert, sie geht weiter.