Sie befinden sich hier: Startseite » 2009 » Dortmunder „Haushaltsloch”-Affäre: Prof. Dr. Bogumil im WAZ-Interview

16. September 2009:

Dortmunder „Haushaltsloch”-Affäre: Prof. Dr. Bogumil im WAZ-Interview

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) hat mit Prof. Dr. Jörg Bogumil, Lehrstuhl für Öffentliche Verwaltung, Stadt- und Regionalpolitik, ein Interview zur Dortmunder „Haushaltsloch”-Affäre geführt, das wir hier dokumentieren.

Das Originalinterview finden sie hier.


WAZ Dortmund, 16.09.2009
Katrin Schlusen
"Völlig irrationales Verhalten"
Zur Dortmunder „Haushaltsloch”-Affäre gibt es immer noch mehr offene Fragen als Antworten. Wir sprachen mit dem Kommunalpolitik-Experten Professor Dr. Jörg Bogumil von der Ruhr Universität Bochum.

Herr Prof. Bogumil, man hat das Gefühl, Kämmerin Christiane Uthemann wird nun die ganze Schuld zugeschoben. Ist das denn plausibel?

Bogumil: Frau Uthemann ist keinesfalls alleine Schuld. Nach den Aussagen des Regierungspräsidenten Diegel dokumentieren die Unterlagen vom 11. August, dass Langemeyer davon gewusst hat. Inwieweit das auch auf Sierau zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Es ist im großen Maße unverständlich, wie man der naiven Auffassung sein kann, dass so etwas nicht ans Tageslicht kommt. Dass nicht nur die Dortmunder Stadtkasse eine große Finanzierungslücke aufweist, sondern auch andere Städte unter den wegbrechenden Gewerbesteuereinnahmen leiden, zeigt doch, dass das Problem latent bekannt war...

... Umso unverständlicher, dass die Akteure diesen Weg gegangen sind.

Das ist völlig irrationales Verhalten. Was könnte die Motivation sein, so zu handeln? Entweder man war so naiv und hat gedacht, dass es durchgeht oder man denkt sich: ,Ich hab eh nix mehr vor' und geht wie Langemeyer danach in den abgesicherten Ruhestand.

Langemeyer geht in den Ruhestand, Uthemann wird von den Genossen fallen gelassen. Das ist das Aus für die Parteisoldatin. Passiert das, weil die Kämmerin als Frau das schwächste Glied in der Kette der Machtstrategen ist?

Das scheint mir in diesem Fall wirklich keine „Frauengeschichte” zu sein. Ob sie unschuldig ist, das ist die andere Frage. So etwas hängt in der Regel mit persönlichen Konstellationen zusammen. In der Regel setzten sich dort dominante Persönlichkeiten durch.

Aber dennoch gewinnt man oft den Eindruck, einem Mann wäre das nicht passiert. vielleicht wäre er noch befördert worden, um es überspitzt zu formulieren ...

Das stimmt generell. Wobei ich in nicht weiß, ob das in diesem Fall auch zutrifft. Männer halten im Konfliktfall meist länger an ihrem Job fest. An ihnen prallen Vorwürfe leichter ab. Frauen nehmen sich so eine Situation strukturell eher zu Herzen.

Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es denn überhaupt für den erklärten Sündenbock?

Entweder Frau Uthemann erhofft, durch den Rückzug jemand anderen zu retten. Das wäre ein solidarischer Akt - gegenüber Herrn Langemeyer oder gegenüber der Partei. Sie hätte aber auch offensiv die Vorwürfe abstreiten und anhand von Papieren beweisen können, dass auch andere von dem Haushaltsloch noch wussten. Es ist aber auch denkbar, dass ein Deal mit ihr vereinbart wurde. Ein besserer Job vielleicht. Aber das sind Spekulationen.

Man würde jedoch davon ausgehen, dass Frau Uthemanns Karriere doch erst einmal vorbei ist, oder?

Das schon. Jedoch gibt es genug Beispiele die dokumentieren, dass es auch von Vorteil sein kann, wenn jemand die Sündenbockrolle annimmt. Nach ein paar Jahren kann er wieder groß aufsteigen. Nehmen Sie zum Beispiel Franz Josef Strauß, der im Zuge der Spiegel-Affäre zurücktreten musste und sich später als Finanzminister zurückkehrte.